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Donnerstag, 28. Januar 2010

Todo el día escuchando la motosierra

Wer übersetzt, muss sich an den fremden Text annähern, ihn nachfühlen, ihn heranlassen, wie bei einem Flirt. Aber gleichzeitig gibt es den Abstandhalter der eigenen Sprache, sie will Distanz, ist wie ein eifersüchtiger Freund. Diese Spannung auszuhalten, ist wichtig. Nur dann kommt etwas in Gang zwischen Rhythmen, Bildern, Zeilenbrüchen, Vokalklängen, Aussagen. Übersetzen ist Nachmachen - mit dem Werkzeug, das gerade da ist. Mehr gibt es nicht. Und so wird jedes übersetzte Gedicht - jeder übersetzte Text - immer auch nach dem Werkzeug des Übersetzers klingen. Nach einer Handschrift. Wie man hier sieht. René bleibt bei der Axt, ich selbst habe mir alles als Bett-Szene vorgestellt, das Ende eines One-Night-Stands. Und Paz Levinson meinte es sicher ganz anders. Was meint ihr?

Todo el día escuchando la motosierra

En el tiempo que preparo algo para almorzar
se puede cortar un tronco bastante ancho.
Los movimientos de los últimos días
habían avanzado el final para el único árbol de la cuadra.
Ahora suena ese mosco gigante que chilla y se calla
y vuelve a chillar, tan molesto que cierro las ventanas.
Quiero que le pase algo malo al señor por cortar el árbol
pero en el momento que pienso eso me siento culpable:
es un trabajador, como vos enseñas él tiene que cortar el árbol.
El árbol es lo único que veo cuando abro los ojos desde la cama
el verde del ficus que se mueve con el viento
y ahora escucho, no quiero mirar cuando caiga
pero no hago más que estar en la ventana,
le lleva mucho tiempo cortarlo
calculo que el árbol tiene muchos años, la madera debe ser dura
no quiero mirar pero me cuesta no escuchar,
mejor me visto, salgo, cruzo y lo ayudo
así termina todo esto más rápido
nos podemos reorganizar: él sigue con la motosierra,
y yo puedo terminar con el hacha.


Den ganzen Tag höre ich die Kettensägen

Von einer Zeit die sich auf Almosen vorbereitet
Kann man sich ein ziemlich breites Stück abschneiden
Die Bewegungen der letzten Tage
kreisten um den letzten gebliebenen Baum.
Sie klingen wie riesige Mücken und pausieren
und schreien plötzlich wieder auf, was so nervig ist
dass ich die Fenster schließe.
Ich wünsche Ihnen alles Schlechte, Herr Oberförster
Und gleichzeitig fühle ich mich schuldig:
Es ist ja nur ihr Job, Sie sind dafür ausgebildet.
Aber der Baum ist alles, was ich sehe, wenn ich meine Augen öffne
Die grünen Äste, die im Wind schaukeln
und jetzt kann ich hören, nicht sehen, wie er fällt
und ich stehe im Fenster
das Kettensägenmassaker geht weiter
Ich rechne das Alter des Baumes aus, harte Arbeit
Ich möchte nicht zusehen, und zuhören auch nicht
Ich glaube, ich gehe besser, denke ich und gehe
und helfe bei der Arbeit und alles geht schnell plötzlich
Wir stimmen uns aufeinander ab: Er die Kettensäge
Ich die Axt.


ein tag in der motorwüste

es gibt zeiten fürs vorbereiten (von frühstück)
und zeiten für das basteln von bastard-särgen.
bestimmte bewegungen der letzten tage verkündeten
dem letzten baum des viertels sein ende.
jetzt träumt eine riesenmücke, die friert und schweigt
und frierend fliegt, vom molligen moskitofenster.
ich wünsche mir, dass der mann, der den baum fällt,
gassi geht, denn dieser gedanke ist unschuldig.
aber er ist arbeiter, du bist lehrer: er muss den baum fällen.
wenn ich baumaugen hätte, wäre er mit mir im bett,
der grüne ficus, der sich im wind bewegt.
ich will ihn hören, will nicht sehen, wie er kippt,
aber ich harre am fenster aus,
hebe ihn hoch, lange, erzähle ihm etwas,
zähle seine jahresringe, hartes, reifes holz.
ich will ihn nicht bewundern, aber zuhören schmerzt,
besser wäre, er sähe mich, gesund, bekreuzigt, die schwester
des exits, so ginge das doch viel schneller. wir stellen
uns neu auf: er geht in die motorwüste,
und ich kann aufhören mit dem naschen.

Sonntag, 17. Januar 2010

18. April 2009: Mann und Frau


Zum Abschluss der Hinterzimmer-Salon-Lesereihe 2008/2009, die von den USA über Irland und Bolivien bis in den Irak und natürlich nach Berlin führte, lasen wir Gastgeber eigene neue Texte. Das waren und sind wir:

Nikola Richter kam 1976 in einer Hansestadt zur Welt. Manche meinen, es sei Hamburg gewesen, sie selbst gibt bevorzugt Bremen als Geburtsstadt an. Dort ist sie auch aufgewachsen und hat Abitur gemacht (siehe auch: "Das Abibuch", Berlin 2007). Zum Studieren ging sie nach Tübingen, machte einen Ausflug nach Norwich und einen nach Pécs und landete schließlich in Berlin, wo sie immer noch lebt. Sie hat Lesebühnen- und Onlineerfahrung gesammelt, schrieb Gedichte, Prosa und drei Theaterstücke und arbeitet als Redakteurin für verschiedenen Medien. Mit ihrer Schwester Franziska gab sie zwei Reader für Jugendliche heraus, zuletzt "Liebes-Erklärungen. Ein Sexbuch". Von Nikola ist u.a. erschienen: "roaming", "die do-re-mi-maschine", Gedichte, "Die Lebenspraktikanten", eine Art Dokufiktion, und zuletzt "Schluss machen auf einer Insel", Storys. Damals leitete sie gerade ein Projekt für das Berliner Theatertreffen, den Theatertreffen-Blog. Sie las eine Kurzgeschichte über so genannte Katzenmänner.

René Hamann schreibt und schreibt und schreibt, als Journalist für diverse trendige Magazine wie für alltägliche Zeitungen, aber auch als Lyriker und Prosaautor. Im April 2009 erschien sein neuer Gedichtband "berge und täler, davor männer und frauen" im Gutleut Verlag. Stadtbekannt wurde er zuletzt durch sein Buch "Das Alphabet der Stadt" (Verbrecher Verlag) mit seinen gesammelten taz-Kolumnen über Berliner Stadtteile von Adlershof bis Zehlendorf. Obwohl er aus dem schönen Emmerich am Rhein stammt, ist er HSV-Fan, was im Frühjahr 2009 sicherlich Spaß machte. Außerdem liebt er Erdnussbutter und kann Bohnen mit Speck kochen. Er ist nicht länger Mitglied im Netzschreibkollektiv Forum der 13, veröffentlichte den Soaproman "Schaum für immer" (Tisch7, 2007) und legt hier und da in Berlin Platten auf.

Die erste Begegnung

Als ich eines Tages im nasskalten November mit einer Freundin durch meinen internationalen Kiez, die Freie Republik Kreuzberg, spazierte, die heutzutage voller Ausgehlokalitäten ist - sozusagen eine einzige Fußgängerzone für Touristen und sonstige Temporär-Sesshafte -, entdeckte ich in einer kleinen, fast unscheinbaren, aber dennoch lauschigen Nebenstraße das Café Johann Rose. Ich weiß immer noch nicht, warum es so heißt, aber der Name dieses Unbekannten Blumenmannes sprach mich an, wir gingen hinein und setzten uns direkt neben die Theke, ans Fenster. Es dauerte eine Weile, dann sah uns der Herr an der Bar, Christopher, wir bekamen sehr günstige Gläser Wein von Winzern in Süddeutschland. Es war dunkel und warm, die Sofas gemütlich, sofort fühlte ich mich wohl und wollte gar nicht mehr nach Hause gehen. Vor allem die Wärme überraschte mich. In Berlin sind viele Altbauten schlecht isoliert, der Wind pfeift durch die Ritzen. Hier konnte sogar die Tür eine Weile offen stehen, um ein bisschen Sauerstoff hineinzulassen, es wurde nicht kalt.

In der Zwischenzeit waren Musiker eingetroffen, der eine setzte sich ans Klavier, ein anderer stellte seinen Kontrabass auf. Wir bekamen ein Privatkonzert. Als wir bezahlten, musste ich doch etwas wissen: Warum nur fror ich hier nicht? Die Erklärung war ganz einfach. Unter dem Café befand sich der Heizungskeller für das gesamte Haus. Das nenne ich Synergieeffekte! Ja, erklärte Christopher weiter, wir machen hier Konzerte, hinten haben wir noch eine Raucherlounge, da gibts einmal die Woche Tatort, und noch weiter hinten würden wir gerne eine Galerie einrichten. Und Lesungen würden wir auch sehr gerne hier unterbringen. Wenn du Leute kennst... ?

Der mittlere Raum war über eine kleine Holztreppe zu betreten wie eine amerikanische Porch, aber so eingerichtet wie das typische, bürgerliche Wohnzimmer vor 50 Jahren: Polstergruppen, alter Plattenspieler, Fernseher in einer Kommode mit Rolljalousie, Flohmarkt-Schinken an den Wänden, Häkeldeckchen und Kerzenständer, Bibliothek. Eine Privatheit, die irgendwie vertraut, aber auch befremdlich wirkte.

Und so entstand die Idee für einen Hinterzimmer-Salon. Eine Lesereihe an einem warmen Ort, am Samstagnachmittag von Herbst bis Winter, bei Kaffee und Kuchen, der in diesem Café von einer begabten Studentin selbst gebacken wird. Die Autoren lesen aus unveröffentlichten Werken, auf verschiedensten Sprachen, sie reden über ihre Arbeitsprozesse, über ihre Einflüsse, ihre Länder, ihre Erfahrungen in der deutschen Hauptstadt. Den Salon gibt es nun in der zweiten Saison, weil das Publikum darauf drängte, dass es ihn weiter geben solle.

Aus der Galerie wurde leider nichts. Aber an selber Stelle befindet sich heute einer der wenigen Indoor-Spielplätze in Berlin. Denn an den Lese-Nachwuchs muss ja auch gedacht werden. Nikola Richter